20. Juni 1996

Ich habe schulfrei und deshalb viel Zeit, obwohl, eigentlich haben wir morgen ja eine Französischprüfung, für die es noch einiges zu lernen gäbe, aber das hat noch Zeit. Bald ist das erste Jahr am MNG vorbei, schnell vergangen ist es auf jeden Fall. Ich möchte kurz darüber schreiben, was ich jetzt, nach diesem ersten Jahr, von den Leuten aus meiner Klasse halte.

Nils ist voll in Ordnung. Er ist easy drauf, mit ihm kann man rumblödeln und ernsthaft über bestimmte Dinge sprechen (wenn auch nicht über alles). Auch wenn seine Bemerkungen und Beiträge im Deutsch (z.B. «ich heisse Nils, weil ich gescheit bin») manchmal ein bisschen zu denken geben.

Thomas ist als Schulkollege wirklich ok. Er ist ein guter Sportler, deshalb kann man mit ihm auch gut über Sport (neben Schule im Moment übrigens das einzige Thema) sprechen. Bei ihm muss ich Ronja und Joana wirklich recht geben, er ist tatsächlich härzig (wie ein kleines Kind).

David: Auch ihn möchte ich ausserhalb der Schule nicht unbedingt um mich haben, aber er ist einer meiner besten Schulkollegen. Auch er ist ein toller Sportler, das verbindet.

Matthias habe ich am Anfang völlig falsch eingeschätzt. Er ist wirklich ein witziger Typ, auch wenn ich auch mit ihm im Moment noch nicht gerade in den Ausgang gehen würde. Viele (auch ich) können nicht ganz verstehen, warum er immer mit Philipp, Patrizia und Claudia rumhängt.

Philipp ist der Inbegriff eines MNG-Schülers. Sein grösstes Hobby ist das Programmieren, ausserdem ist er der korrekteste Klassenkassier, den ich je gesehen habe. Auch wenn ich nicht unbedingt sehr viel von ihm halte, so ist auch er als Kollege in Ordnung.

Benni habe ich in meinem Tagebuch oft etwas Unrecht angetan. Es stimmt zwar, dass er oft etwas intolerant und «künstlich cool» ist, aber er ist immerhin auch der beste Freund, den ich im Moment habe. Ich glaube, wir sind einfach ein bisschen zu oft zusammen.

Konrad: Auch er ist (wie Philipp) ein Schüler durch und durch. Trotzdem, dass er in Zürich wohnt, ist er sehr naiv und kindlich. Doch wenn er mal etwas älter ist, ist er sicher easy.

Joana ist auf jeden Fall sehr hübsch. Abgesehen davon ist sie voll in Ordnung. Benni ist der Meinung, dass sie sich für ihre siebzehn Jahre recht kindisch verhält, und in gewissen Bereichen hat er damit sicher recht. Andererseits verhält sie sich manchmal auch recht erwachsen. Naja, auf jeden Fall habe ich sie sehr gerne.

Ronja: Tja, über sie muss ich wohl nicht viel sagen. Sie ist ein Mädchen durch und durch, ihr ganzes Verhalten ist sehr weiblich. Ich liebe sie. Sie ist nicht nur wunderschön, sie ist so … Ronja like.

Claudia ist wirklich nicht ganz normal, ich glaube, die ist sowohl motorisch als auch geistig irgendwo gestört. Ich versuche, sie zu akzeptieren und zu tolerieren, man kann mit ihr leben.

Patrizia: Was ich von ihr halte, ist schwierig zu erklären. Ich finde sie im Grunde ganz in Ordnung, nur ist sie halt noch wie ein Kind und sie ist nicht sehr weiblich, ausserdem ist sie viel zu sehr Schülerin. Schlussendlich stört sie mich sicher nicht.

Tanja ist eine gute Kollegin, hat aber irgendetwas sehr unsympathisches an sich. Manchmal übertreibt sie es ein wenig mit dem Lachen (eben nicht lächeln, sondern lachen), aber sie ist wirklich ok.

Nathalie: Auch an sie gewöhnt man sich mit der Zeit. Wenn man nicht allzu oft mit ihr zusammen sein muss, ist sie sogar noch easy. Trotzdem kann sie einem manchmal recht auf die Nerven gehen.

Benji ist sicherlich einer der besten Kollegen, die ich habe. Als Freund möchte ich ihn im Moment noch nicht bezeichnen. Ich habe leider kein Vertrauen mehr zu ihm und finde es traurig, dass er es trotz all seinen Philosophien nicht fertigbringt, sein Leben mal zu ordnen. Aber ich will nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht! Benji ist wirklich cool! Er ist witzig, sportlich und sehr nett. Ausserdem hat er mich in meinem Leben einen grossen Schritt weitergebracht. Ich glaube, ich kann noch viel von ihm lernen, aber, ohne eingebildet wirken zu wollen, ich glaube, er könnte auch einiges von mir lernen.

Monika ist eine sehr, sehr schwierige Person. Nachdem sie aus ihrer «Deprophase» ein wenig raus ist, ist sie jetzt eigentlich von den meisten akzeptiert, vor allem Joana versteht sich jetzt wirklich richtig gut mit ihr. Auch ich finde sie eigentlich noch nett. Aber sie ist sehr instabil, sie könnte jederzeit wieder in Depressionen fallen. Ausserdem hat sie durch das Jahr, das sie voraus ist, glaube ich, eine soziale Stufe verpasst (erinnert mich irgendwie an Jonas aus der Klasse 1/2d an der Hohen Promenade).

Louis ist eine ähnlich schwierige Person wie Monika. Er ist die unbeliebteste und am meisten verarschte Person, die ich je kennengelernt habe, er hat wirklich nicht viele Freunde! Viele haben etwas Mitleid mit ihm, aber sind auch der Meinung, dass er selbst Schuld ist (womit sie übrigens recht haben). Ich bin tatsächlich einer der wenigen, die ihn mögen. Sicherlich ist er eine Nervensäge und es ist peinlich, mit ihm unterwegs zu sein, aber sonst ist er eigentlich ganz in Ordnung. Leider wird er nach den Sommerferien nicht mehr zu unserer Klasse gehören, er wird wiederholen müssen.

Arthur: Auch er wird nach den Ferien wahrscheinlich nicht mehr «zu uns gehören». Er ist zwar für sein Alter sehr, sehr weit, für mein Alter verhält er sich aber noch sehr kindisch. Er geht einem manchmal ganz schön auf den Keks, aber sonst ist er easy. Schade, dass auch er wiederholen muss.

Elias ist genauso ein typischer MNG-Schüler wie Philipp, auch er verbringt seine Freizeit vor allem mit lernen und vor dem Computer sitzen. Er ist nicht gerade der Beliebteste der Klasse, aber wenn man sich ihm ein wenig anpasst, ist er ok.

Finn ist der Sonnenschein unserer Klasse, meist gut aufgelegt und easy drauf. Eigentlich von allen gern gesehen. Er verhält sich zwar manchmal wie ein Kind, man merkt ihm aber an, dass er das weiss, im Grunde ist er erwachsener als die meisten anderen der Klasse.

Michael ist neben Benni mein bester Kollege in der Klasse, auch wenn ich nicht sicher weiss, was er von mir so genau hält. Er hat eine sehr ruhige, sichere Art, macht aber andererseits nur Dinge, die er will, ohne Rücksicht auf Verluste.

Adam ist voll militant. Er kann einen wirklich zu tode nerven, aber mit etwas Anstrengung erträgt man auch ihn.

So, das war bzw. sind sie, meine Klassenkameraden/innen. Es ist aber wichtig, dass ich sage, dass ich sie immer noch kaum kenne, da kann sich noch viel verändern!

19. Juni 1996

Ich glaube (und hoffe), ich hab endlich aufgehört, mich von mir zu entfernen, hab umgedreht und angefangen mich kennenzulernen. Langsam verstehe ich mich selbst und meine Welt, das mit den Frauen ist ein wichtiger Teil dabei, auch mich selbst akzeptieren mehr und mehr. Ich beginne zu verstehen, wie wichtig Toleranz ist und gerade diese Erkenntnis hilft mir, meine Mitmenschen besser zu verstehen.

Ich habe ja kürzlich einen sehr gefühlvollen Aufsatz geschrieben, er hat das Thema Anna, aber auch Ronja, doch nicht nur das, es ist einfach ein Aufsatz, den ich aus dem Herzen geschrieben habe. Deshalb möchte ich ihn hier nochmals aufschreiben.

«10.6.1996

Sommergewitter

Nein, ich kann nicht, ich kann mich einfach nicht konzentrieren! Ist ja auch nicht so wichtig, was solls? Ich werde auch diese Prüfung überstehen, jetzt kann ich einfach nicht mehr lernen! Ich muss endlich mal wieder meine Gedanken ordnen, das heisst, eigentlich vor allem meine Gefühle. Es ist schon viel zu lange her, dass ich hier neben dem Fenster gesessen bin. Schön, wie die Wolken von der untergehenden Sonne in dieses tiefe, kräftige Rot getaucht werden. Romantisch… So ein Dreck! Wieso werde ich diese verdammten Gedanken nicht los, wieso bringe ich sie nicht aus meinem Kopf raus?

Seltsam, wie der Wind durch die Blätter rauscht, ich habe noch nie auf dieses Geräusch geachtet. Es sieht fast so aus, als würde es noch ein Gewitter geben, ein Sommergewitter.

Sommer, oh, wie habe ich ihn vermisst! Aber er bringt auch Schlechtes mit sich. So viele Erinnerungen werden wieder wach, Dinge, die ich längst vergessen hatte. Ich fange langsam wieder an, von ihr zu träumen, erinnere mich an die Nachmittage mit ihr am See und an die Abende, an denen ich so unendlich glücklich war. So ein unendlicher Idiot vor allem! Ich war mir so sicher, dass sie dasselbe für mich empfinden würde, ich glaubte, dass ich endlich am Ziel aller meiner Träume wäre – das Paradies.

Der Wind wird stärker, bedrohlich fast. Ich höre wieder die Musik von damals, die Lieder, die ich letzten Sommer ununterbrochen gehört habe, immer und immer wieder. Ich habe das Gefühl, ihren Duft wahrzunehmen, ich sehe ihr Gesicht ganz deutlich vor mir, ja ich höre sogar ihre Stimme… ich dreh noch durch! Wie kann man sich bloss so in ein Mädchen verlieben? Irgendwie verstehe ich es immer noch nicht. Wie konnte ich mir nur so sicher sein, wenn sie noch nicht mal auf die Idee gekommen wäre?

Die ersten Regentropfen treffen auf den noch warmen Asphalt. Ich liebe diesen Geruch, aber auch er bringt diese schmerzhaften Erinnerungen mit sich. Als ich diesen Geruch zum letzten Mal bewusst wahrgenommen habe, stand ich mit ihr zusammen unter dem Vordach des Bademeisterhäuschens. Wir waren durch und durch nass und haben uns darüber halb tot gelacht. Wir konnten einfach lachen und lachen, nur darüber, dass wir pitschnass waren. Sie hat so ein wundervolles Lachen!

Ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern, wann ich es endlich kapiert habe. Es war sicher gut, dass ich bemerkt habe, dass sie mich einfach nur als guten Freund haben wollte, aber damals hat es mich fast umgebracht! Ich glaube, dass kein Schmerz, der einem am Körper zugefügt werden kann, auch nur annähernd an den seelischen Schmerz herankommt, an den Schmerz im Herzen. Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Es ist schon eine Ewigkeit her, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Warum der Kontakt abgebrochen ist, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich sie liebe und dass ich ihr unendlich dafür dankbar bin, dass sie mir die schönste Zeit meines Lebens geschenkt hat.

So ein Dreck, meine ganzen Chemie-Blätter werden ja vom Tisch gefegt! Ich glaube, ich sollte das Fenster schliessen und endlich kapieren, dass im wirklichen Leben nicht immer alles ein Happy-End hat.»

Beim Lesen meiner Tagebücher fällt auf, dass ich, seit ich mich in Anna verliebt habe, nie mehr längere Zeit «frei» war. Immer gab es ein Mädchen, für das ich irgendwie «mehr» empfand. Wenn nicht Anna, dann Sarina, Simone, Martina, Joana und jetzt schliesslich Ronja. Da stellt sich die Frage, ob ich wirklich verliebt war, doch viel wichtiger, ob ich wirklich verliebt bin. Ich kann diese Frage nicht beantworten, nicht bevor ich es endlich einmal geschafft habe.

Vor einem Jahr hat das mit Martina begonnen. Seither ist viel, sehr viel sogar passiert. Ich hoffe, dass ich in meinem Leben einen grossen Schritt gemacht habe, in welche Richtung auch immer. Auf jeden Fall zeigt sich, dass ein Jahr eine lange Zeit ist, und das wiederum beweist, wie lange und wichtig die drei oder sogar dreieinhalb Jahre waren, die ich in Anna verliebt war.

Ich mag Ronja wirklich sehr, sehr gerne – Liebe?

17. Juni 1996

Ich habe es immer noch nicht so ganz kapiert. Nicht Schönheit, Körper machen ein Mädchen aus, sondern das Mädchen selbst. Frauen haben etwas, das ich brauche, um zu leben. Ich weiss, irgendwann werde auch ich nicht mehr einsam sein und dann werde ich mich an all diese Zeit, all diese Momente voller Sehnsucht erinnern und glücklich sein.

Aber im Moment ist es noch Ronja, die das Leben ist, und – trotz allem – sie ist wunderschön. Benni sagte mir heute Mittag, ich solle mich bloss nicht in Ronja verlieben oder es ihr auf keinen Fall sagen, dass würde die Freundschaft zwischen ihr und mir zerstören. Er hat recht, aber, sag mir etwas, das ich noch nicht weiss!

Heute habe ich mit Maja, unserer Deutschaushilfe, über meinen sehr gefühlvollen Aufsatz, für den ich übrigens einen Sechser bekommen habe, gesprochen. Es war ein sehr interessantes Gespräch, in dem wir den Unterschied Lehrer-Schüler auf ein absolutes Minimum brachten

Ach ja, Chicago ist übrigens heute Meister geworden, we are the Champions!

14. Juni 1996

Es gab eine Zeit, in der ich dachte, Ronja sei in mich verliebt, ich habe mich geirrt.

Es gab eine Zeit, in der ich dachte, Ronja könnte sich in mich verlieben, ich habe mich geirrt.

Es gab eine Zeit, da dachte ich, Ronja und ich hätten eine richtig gute, ehrliche Freundschaft, und wieder habe ich mich geirrt.

Sie vertraut mir nicht, denn sie ist klüger als ich und vertraut keinem Fremden. Ich liebe sie, ihren Duft, ihr Gesicht, ihre Augen, ihre Stimme, ich liebe alles an ihr, aber ich irre mich.