19. Juni 1996

Ich glaube (und hoffe), ich hab endlich aufgehört, mich von mir zu entfernen, hab umgedreht und angefangen mich kennenzulernen. Langsam verstehe ich mich selbst und meine Welt, das mit den Frauen ist ein wichtiger Teil dabei, auch mich selbst akzeptieren mehr und mehr. Ich beginne zu verstehen, wie wichtig Toleranz ist und gerade diese Erkenntnis hilft mir, meine Mitmenschen besser zu verstehen.

Ich habe ja kürzlich einen sehr gefühlvollen Aufsatz geschrieben, er hat das Thema Anna, aber auch Ronja, doch nicht nur das, es ist einfach ein Aufsatz, den ich aus dem Herzen geschrieben habe. Deshalb möchte ich ihn hier nochmals aufschreiben.

«10.6.1996

Sommergewitter

Nein, ich kann nicht, ich kann mich einfach nicht konzentrieren! Ist ja auch nicht so wichtig, was solls? Ich werde auch diese Prüfung überstehen, jetzt kann ich einfach nicht mehr lernen! Ich muss endlich mal wieder meine Gedanken ordnen, das heisst, eigentlich vor allem meine Gefühle. Es ist schon viel zu lange her, dass ich hier neben dem Fenster gesessen bin. Schön, wie die Wolken von der untergehenden Sonne in dieses tiefe, kräftige Rot getaucht werden. Romantisch… So ein Dreck! Wieso werde ich diese verdammten Gedanken nicht los, wieso bringe ich sie nicht aus meinem Kopf raus?

Seltsam, wie der Wind durch die Blätter rauscht, ich habe noch nie auf dieses Geräusch geachtet. Es sieht fast so aus, als würde es noch ein Gewitter geben, ein Sommergewitter.

Sommer, oh, wie habe ich ihn vermisst! Aber er bringt auch Schlechtes mit sich. So viele Erinnerungen werden wieder wach, Dinge, die ich längst vergessen hatte. Ich fange langsam wieder an, von ihr zu träumen, erinnere mich an die Nachmittage mit ihr am See und an die Abende, an denen ich so unendlich glücklich war. So ein unendlicher Idiot vor allem! Ich war mir so sicher, dass sie dasselbe für mich empfinden würde, ich glaubte, dass ich endlich am Ziel aller meiner Träume wäre – das Paradies.

Der Wind wird stärker, bedrohlich fast. Ich höre wieder die Musik von damals, die Lieder, die ich letzten Sommer ununterbrochen gehört habe, immer und immer wieder. Ich habe das Gefühl, ihren Duft wahrzunehmen, ich sehe ihr Gesicht ganz deutlich vor mir, ja ich höre sogar ihre Stimme… ich dreh noch durch! Wie kann man sich bloss so in ein Mädchen verlieben? Irgendwie verstehe ich es immer noch nicht. Wie konnte ich mir nur so sicher sein, wenn sie noch nicht mal auf die Idee gekommen wäre?

Die ersten Regentropfen treffen auf den noch warmen Asphalt. Ich liebe diesen Geruch, aber auch er bringt diese schmerzhaften Erinnerungen mit sich. Als ich diesen Geruch zum letzten Mal bewusst wahrgenommen habe, stand ich mit ihr zusammen unter dem Vordach des Bademeisterhäuschens. Wir waren durch und durch nass und haben uns darüber halb tot gelacht. Wir konnten einfach lachen und lachen, nur darüber, dass wir pitschnass waren. Sie hat so ein wundervolles Lachen!

Ich kann mich nicht mehr so genau daran erinnern, wann ich es endlich kapiert habe. Es war sicher gut, dass ich bemerkt habe, dass sie mich einfach nur als guten Freund haben wollte, aber damals hat es mich fast umgebracht! Ich glaube, dass kein Schmerz, der einem am Körper zugefügt werden kann, auch nur annähernd an den seelischen Schmerz herankommt, an den Schmerz im Herzen. Inzwischen ist viel Zeit vergangen. Es ist schon eine Ewigkeit her, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Warum der Kontakt abgebrochen ist, weiss ich nicht. Ich weiss nur, dass ich sie liebe und dass ich ihr unendlich dafür dankbar bin, dass sie mir die schönste Zeit meines Lebens geschenkt hat.

So ein Dreck, meine ganzen Chemie-Blätter werden ja vom Tisch gefegt! Ich glaube, ich sollte das Fenster schliessen und endlich kapieren, dass im wirklichen Leben nicht immer alles ein Happy-End hat.»

Beim Lesen meiner Tagebücher fällt auf, dass ich, seit ich mich in Anna verliebt habe, nie mehr längere Zeit «frei» war. Immer gab es ein Mädchen, für das ich irgendwie «mehr» empfand. Wenn nicht Anna, dann Sarina, Simone, Martina, Joana und jetzt schliesslich Ronja. Da stellt sich die Frage, ob ich wirklich verliebt war, doch viel wichtiger, ob ich wirklich verliebt bin. Ich kann diese Frage nicht beantworten, nicht bevor ich es endlich einmal geschafft habe.

Vor einem Jahr hat das mit Martina begonnen. Seither ist viel, sehr viel sogar passiert. Ich hoffe, dass ich in meinem Leben einen grossen Schritt gemacht habe, in welche Richtung auch immer. Auf jeden Fall zeigt sich, dass ein Jahr eine lange Zeit ist, und das wiederum beweist, wie lange und wichtig die drei oder sogar dreieinhalb Jahre waren, die ich in Anna verliebt war.

Ich mag Ronja wirklich sehr, sehr gerne – Liebe?